Tauffest in der Gemeinde

"Wie in einer riesigen Familie"

Kinder und Lufballons

Ein Tauffest ist toll - wenn man es in der Gemeinde mit ganz vielen Menschen feiert, ist es umso schöner!

Bild: iStockPhoto / ArtMarie

Wer keine Verwandten hat oder wenig Geld und Zeit, konnte in Nürnberg gemeinsam Taufe feiern.

Als ob der Himmel seinen besonderen Segen geben wollte, brechen nachmittags um halb zwei plötzlich Sonnenstrahlen durch die graue Wolkendecke über der Nürnberger Südstadt. „Lobet den Herren“ schallt majestätisch aus einem Dutzend Posaunen, während Menschen aus allen Richtungen zur Gustav-Adolf-Gedächtniskirche strömen. 76 Kinder werden heute hier gleichzeitig die Taufe empfangen und mit ihren Familien ein gigantisches Fest feiern.

Unter ihnen die fünfjährige Mara. Die „persönliche Ansprache im Infoblatt des Dekanats“ hat Mutter Peggy Lucht überzeugt, ihre Tochter an diesem Juli-Samstag taufen zu lassen. Und die Aussicht, ohne großen organisatorischen Aufwand feiern zu können. „Wenn wir ein privates Fest für viele Leute gegeben
hätten, hätte ich mich um Anreise, Bewirtung, Unterkunft unserer Gäste kümmern müssen und wäre wenig zum Feiern gekommen.“ Brigitte Zarth, im Hauptberuf Dekanatssekretärin, nimmt derweil an einem der Tische vor der Kirche die Familien in Empfang. „Heute arbeite ich ehrenamtlich“, lacht sie und ist damit eine von über 100 freiwilligen Helferinnen und Helfern, ohne die das erste Nürnberger Sommertauffest niemals hätte realisiert werden können.

Angebot auch für Familien, die sich Fest nicht leisten können

Gerade übergibt sie an Corinna Lutter und Täufling Jonas Alexander einen gelben Umschlag, während andere Familien nebenan grüne, rote oder blaue erhalten. Farben nämlich spielen heute für die Orientierung beim größten evangelischen Tauffest Bayerns in diesem Jahr eine entscheidende Rolle.

Leiten sie doch die Familien zu ihren Plätzen und zu insgesamt acht Taufstationen. „Ich wollte mein Kind auf jeden Fall taufen lassen, aber der Zeitpunkt stand noch nicht fest. Da war die Einladung ideal“, betont Corinna Lutter. Mit vielen anderen Familien gemeinsam zu feiern findet sie sehr passend für ihre Situation. „Unser Familien- und Bekanntenkreis ist hier in Nürnberg nicht so groß. Und ein großes Fest für wenige Leute zu geben, würde vom Aufwand her nicht im richtigen Verhältnis stehen.“

Alleinerziehende besonders im Fokus

Ihm persönlich, betont Martin Dorner, Pfarrer für Projektarbeit im Diakonischen Werk Bayern, sei es zudem wichtig gewesen, mit dem Tauffest auch ein Angebot für Familien zu machen, die sich ein solches Fest nicht leisten könnten. Deshalb hatte er, gemeinsam mit dem Nürnberger Regionalbischofsehepaar, das Projekt „Sommertauffest“ angestoßen.

Besonders im Fokus standen von Beginn an die Alleinerziehenden, die ein Drittel der Tauffamilien am heutigen Samstag ausmachen. „Wegen Konflikten nach einer Trennung, aus Zeitnot oder finanziellen Gründen organisieren sie oft keine Taufe“, weiß die Leiterin der Evangelischen Fachstelle für Alleinerziehendenarbeit, Inga Thies. Dank zahlreicher Sponsoren nämlich müssen die Familien heute weder am Kuchenbuffet noch am Grill- oder Getränkestand zum Portemonnaie greifen.

Zitat

"Wenn ich getauft werde, dann muss das auch eine richtig große Feier sein"

Vivane, 10 Jahre

Zu Beginn ihrer Vorbereitungen stellten die Organisatoren im Rahmen einer Auswertung fest, dass es in Nürnberger Familien mit mindestens einem evangelischen Elternteil rund 5.000 ungetaufte Kinder im Alter bis zu zwölf Jahren gibt. „Diese Familien haben wir gezielt angeschrieben und eingeladen“, erklärt Pfarrerin Beate Kimmel-Uhlendorf, Projektleiterin des Sommertauffestes.

Blickt man auf die Statistik, zeigt sich eine auffällige Entwicklung: das Taufalter verschiebt sich nach hinten. So findet etwa ein Drittel aller Taufen mittlerweile an Kindern statt, die das erste Lebensjahr vollendet haben, 53 Prozent in den ersten beiden Lebensjahren und 35 Prozent im Alter zwischen drei und 13 Jahren.

"Das ist unser Ding!"

Oftmals fehlt für die Familien ein geeigneter Anlass, oder das Thema ist aus dem Blick geraten. Wie bei Bettina Jäger, die mit Sohn Manuel Johann zum Tauffest gekommen ist. Nach der Geburt habe sie sich nicht sofort mit dem Thema Taufe beschäftigt, erklärt sie. „Daher ist etwas Zeit ins Land gegangen.“ Als dann die Einladung zum Sommertauffest ins Haus flatterte, wusste sie sofort: „Das ist unser Ding.“ Andere Taufen habe sie bisher als eher anonym erlebt. „Hier dagegen trifft man wirklich begeisterte Menschen.“

Doch nicht nur Eltern entschieden sich ganz bewusst, heute mit von der Partie zu sein: „Meine Tochter wollte es so – und das habe ich akzeptiert“, bemerkt Andrea Junghanns, Mutter der zehnjährigen Viviane, deren Großvater heute eigens aus der Slowakei angereist ist. „Wenn ich getauft werde, dann muss das auch eine richtig große Feier sein“, stellt das Mädchen selbstbewusst klar, „und hier ist es wie in einer riesigen Familie.“

Zitat

"Sie dürfen klatschen, schnippen und ein bisschen tanzen - das hier ist ein Fest."

Johannes Matthias Roth, Pfarrer

Dann geht es los. „Sie dürfen klatschen, schnippen und ein bisschen tanzen – das hier ist ein Fest“, Kinderliedermacher und Pfarrer Johannes Matthias Roth macht die Losung für den heutigen Nachmittag unmissverständlich klar. Doch so ganz traut sich die mittlerweile auf über 900 Menschen angewachsene Taufgemeinde noch nicht. Zu ehrwürdig wirkt wohl der große und mächtige Innenraum der Kirche. Ein großes, buntes Kreuz, das Kinder bei einem Vortreffen gebastelt haben, wird zum Altar gebracht, bevor Eltern und Paten jedem Täufling ein kleines Kreuz auf die Stirn zeichnen.

„Mit dem Zeichen sagen wir: Ja, Du gehörst Christus, unserem Herrn“, erklärt Pfarrerin Claudia Voigt Grabenstein, die mit einer festlich bunten Stola bekleidet ist. Von Keyboard-Klängen untermalt folgen Bibelworte. „Gott führt uns zum frischen Wasser.“ Psalmworte für die Seele.

Gänsehaut-Atmosphäre, mit der nicht jeder gerechnet hatte

„Aus dem Vollen schöpfen ...“, intoniert die Band, während 19 Nürnberger Pfarrerinnen und Pfarrer Taufgefäße, die sie aus ihren Gemeinden mitgebracht haben, mit Wasser füllen und zu acht Taufstationen tragen, die im vorderen und hinteren Bereich der Kirche sowie auf der Chorempore vorbereitet sind. Nach Farbgruppen geordnet ruft Voigt-Grabenstein nun die Täuflinge mit ihren Eltern und Paten auf, zu einer der acht Taufstellen zu kommen.

Sogleich ist ein wildes Stimmengewirr aus allen Ecken der Kirche zu hören. „Lasset die Kinder zu mir kommen.“ „Wollt Ihr durch die Taufe in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden?“ „Wollen Sie dem Kind und den Eltern zur Seite stehen?“„Ja, mit Gottes Hilfe.“ „Ich taufe Dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ „Du bist einzigartig – Du bist ein Geschenk des Lebens“, singen derweil die Taufgäste. Gänsehaut-Atmosphäre, mit der nicht jeder gerechnet hatte.

Erst Skepsis, dann Begeisterung

„Der Gedanke an eine Art Massentaufe hat mich zuerst sehr skeptisch gemacht. Ich konnte mich nur sehr schwer mit einer solchen Veranstaltung anfreunden “, gibt Christian Seysen, Vater der kleinen Josefa, zu.
Ganz anders Mutter Nadja Hense. „Mir gefiel die Idee sofort, denn es ergab sich für uns bisher sonst keine Gelegenheit zur Taufe. Das ist hier ist ein wirkliches Gemeindefest und wir genießen den festlichen Rahmen.“ Das gilt spätestens jetzt auch für den Vater, denn im vorderen Teil der Kirche bietet sich ein überwältigendes Bild. Dort nämlich flackern nun die Taufkerzen aller 76 Täuflinge und hüllen den Altarraum in ein warmes Licht. Bei dem Gottesdienst sei ihm mehrfach eine Gänsehaut über den Rücken gelaufen, gibt Regionalbischof Stefan Ark Nitsche anschließend zu. Er und seine Frau, Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern, finden die große Resonanz auf das Tauffest extrem ermutigend: „Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, das, was wir als Kirche den Menschen zu bieten haben, ist ganz offensichtlich nach wie vor aktuell.“

„Hierherzukommen war ein spontaner Entschluss, den wir keine Sekunde bereuen“, erklärt Renate Rexin, Mutter des dreijährigen Ricardo. „Die Idee, so etwas Außergewöhnliches zu machen, ist einfach spitze“, ergänzt Vater Holger Rotter, „hier feiern verschiedenste Nationen und Generationen zusammen, ein echtes Multikulti-Fest!“