Taufe

Taufe als Erwachsener

Erwachsenentaufe

Später Segen: Bella Dausend aus Neuburg an der Donau bei ihrer Erwachsenentaufe im Jahr 2011, durchgeführt von Pfarrerin Anne Stempel-de Fallois in der Apostelkirche in der Gemeinde Neuburg an der Donau.

Bild: Dausend (Privat)

Für viele Menschen ist der Segen Gottes selbstverständlich, Bella Dausend aus Neuburg an der Donau hat lang darauf warten müssen: erst 2011 wurde die heute 22-Jährige als Erwachsene getauft.

„Denn Weisheit wird in Dein Herz eingehen und Erkenntnis wird Deiner Seele lieblich sein, Besonnenheit wird Dich bewahren und Einsicht Dich behüten.“ Die Stimme von Pfarrerin Anne Stempel-de Fallois durchdringt die Stille in der Apostelkirche der Gemeinde Neuburg an der Donau. Die Kirche ist ganz in den Schein von lauter flackernden Kerzen getaucht, es ist die Osternacht des Jahres 2011. Bella läuft ein Schauer über den Rücken, als sie den Worten der Pfarrerin lauscht. Es sind ganz besondere Worte – sie bilden den Taufspruch für Buchhändlerin Bella, die in dieser Nacht in den Genuss des heiligen Sakraments kommt.

„Ich hatte schon länger den Wunsch mich taufen zu lassen, eigentlich schon als Kind“, erinnert sich Bella. „Meine Schwester und ich waren ebenso wie meine Eltern ungetauft, und ich weiß noch, dass ich in der Schule immer darunter gelitten habe. Ich hatte zwar auch Religionsunterricht, aber ich fühlte mich immer irgendwie ausgeschlossen, besonders, als bei meinen Mitschülern die Zeit der Konfirmation beziehungsweise Kommunion kam.“

"Damit die Hochzeit eine runde Sache wird"

2010 lernt Bella Manuel Dausend kennen, der getauft ist und aus einer religiösen Familie stammt. Es ist die große Liebe, die beiden wollen heiraten – „und das war dann für mich der Anlass, meinen Taufwunsch endlich umzusetzen, damit die Hochzeit eine runde Sache wird“, erzählt Bella. Da ihr künftiger Ehemann evangelisch war, sprach sie Pfarrerin Stempel-de Fallois aus der evangelischen Apostelkirche ihrer Heimatstadt Neuburg an und verriet ihr den Taufwunsch.

Häufige Fragen zur Erwachsenentaufe

Wie läuft es praktisch/formell ab, wenn ich mich als Erwachsener taufen lassen will?

Als erstes steht ein Gespräch mit dem Pfarrer derjenigen Kirchengemeinde an, in die der Täufling eintreten will. „Der Täufling vereinbart dazu einen Gesprächstermin mit dem Pfarrer, trägt ihm seinen Wunsch vor, erzählt vielleicht auch ein wenig von seinen Beweggründen und aus seiner Biographie, damit der Pfarrer ihn besser kennenlernen kann“, erklärt Pfarrerin Anne Stempel-de Fallois. „Im Anschluss füllt der Pfarrer zusammen mit dem angehenden Täufling ein Taufformular aus und macht ihm die Organisation der drei wichtigsten Komponenten bewusst, um die Taufe durchführen:

Der Täufling muss sich 1.) einen Taufpaten suchen, der einen Patenschein besitzt, also von der Kirchengemeinde die Erlaubnis erteilt bekam, eine Patenschaft zu übernehmen; während des Taufgottesdienstes muss dieser Pate später nicht zwingend anwesend sein, wichtig ist, dass er vorab den Pfarrer gemeinsam mit dem Täufling schon einmal aufgesucht und seinen Patenschein vorgezeigt hat. Der Täufling soll sich 2.) einen Taufspruch aussuchen, den der Pfarrer bei der Taufe zu ihm sagt. Und der Täufling muss sich 3.) eine Taufkerze besorgen, die er zu seiner Taufe mitbringt. Die Taufkerze bekommt der Täufling oft von seiner künftigen Kirchengemeinde geschenkt. Er kann sie aber auch zum Beispiel im Internet bestellen oder in Kerzengeschäften kaufen; ganz Kreative können sich auch selbst eine gestalten, indem sie eine weiße Kerzen mit selbst geformten Symbolen aus rotem Kerzenwachs dekorieren.

Die Rituale im Taufgottesdienst selbst folgen einer klaren Reihenfolge: Der Pfarrer liest zuerst den Missionsbefehl aus dem Matthäusevangelium, danach zeichnet er dem Täufling mit den Fingern ein unsichtbares Kreuz auf die Stirn und spricht den vom Täufling ausgewählten Taufspruch. Danach stellt der Pfarrer die Tauffrage und will von dem Täufling wissen, ob es ihm ernst damit ist, sich in die Hände Gottes zu begeben. Ist der Taufpate dabei, kann der Pfarrer diesem die Frage stellen, ob er dem neuen Gemeindemitglied dabei helfen kann, das Leben nach Gottes Geboten zu führen. Abschließend benetzt der Pfarrer die Stirn des Täuflings dreimal hintereinander mit Wasser „im Namen der Dreieinigkeit“, bekreuzigt seine Stirn nochmals und spricht einen zweiten Segen, bevor der Täufling seine Taufkerze an der Osterkerze entzündet – und somit vollständig getauft und Mitglied der Kirche ist.

Gibt es vor einer Taufe so etwas wie eine Gewissenssprüfung?

„Nein“, betont Pfarrerin Stempel-de Fallois. „Es ist immer ein Wachsen und Werden im Glauben, das hat schon Luther gesagt.“ Zudem könne das Gespräch zwischen Pfarrer und Täufling „ganz offen ablaufen, der Täufling kann ganz ehrlich darüber sprechen, warum er bisher Scheu davor hatte, sich taufen zu lassen“. Stellt sich im Gespräch heraus, dass der Täufling zu wenig über den christlichen Glauben weiß, weil er zum Beispiel aus einem anderen Land oder Kulturkreis kommt, kann er eine Taufvorbereitung in Anspruch nehmen; viele Kirchengemeinden bieten dafür eigene Glaubenskurse an.

Muss ich alles vom christlichen Glauben vorher wissen?

„Die Menschen müssen keine Psalmen auswendig herunterbeten können“, merkt Pfarrerin Stempel-de Fallois augenzwinkernd an, „sie sollten aber schon wissen, wie ein Gottesdienst abläuft, was ein Abendmahl ist, was die Arche Noah bedeutet oder wie Gott sich im Alten Testament Mose gegenüber präsentierte.“ Wissensbausteine wie diese kann ein angehender Täufling zum Beispiel durch einen Glaubenskurs sammeln. „Wichtiger als alles theoretische Wissen finde ich aber, die Schätze zu heben, die in einem Menschen schlummern“, betont Pfarrerin Stempel-de Fallois.

Welche Angebote der Kirche für eine Erwachsenentaufe gibt es?

„Viele“, sagt Pfarrerin Stempel-de Fallois. „Unsere Apostelkirchengemeinde in Neuburg an der Donau bietet zum Beispiel nicht nur Taufen in der örtlichen Kirche an, sondern auch im Rahmen von Outdoor-Taufen mit Ausflügen an die Donau oder an Himmelfahrt zur Ostsee.“ Andere Kirchengemeinden bieten spezielle Taufwochenenden an oder betten die Taufe in den Rahmen Hoher Feiertage wie etwa an Ostern, was sich zum Beispiel in der Apostelkirchengemeinde als festes Ritual etabliert hat. „Wenn man einen ganz individuellen Wunsch hat, kann man diesen dem Pfarrer im Vorbereitungsgespräch auch vortragen und ihn fragen, ob er die Taufe speziell darauf zuschneiden kann“, unterstreicht Pfarrerin Stempel-de Fallois.

Warum taufen lassen?

„Mit der Taufe ist ein Prozess zum Abschluss gekommen, der zuvor in Herz und Seele gewachsen war“, bekräftigt Pfarrerin Stempel-de Fallois. „Der Glaube der Menschen ist öffentlich besiegelt, und sie tragen die Gewissheit in sich: Nun bin auch ich ein Christenmensch, jetzt gehöre ich auch dazu.“ Der Effekt der Taufe besteht also letztlich in etwas Unsichtbarem: einem Gefühl. Klingt banal – „doch dieses Gefühl wirkt unglaublich bereichernd“, verspricht Stempel-de Fallois.

Die Pfarrerin reagierte nicht überrascht: Erwachsenentaufen sind für die 47-Jährige an der Tagesordnung. Und die Motivationen der Menschen, das in der Kindheit versäumte Ritual nachzuholen und sich als erwachsener Mensch taufen zu lassen, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst, weiß Stempel-de Fallois. „Einige - wie Bella - haben schon länger den Wunsch gehegt, zum christlichen Glauben zu gehören“, so Stempel-de Fallois, „andere hat irgendein praktischer Hinderungsgrund davon abgehalten, die Taufe für sich in Anspruch zu nehmen, und sie werden sich erst nach und nach klar darüber.“

Ein klassischer Auslöser für die Entscheidung zur Taufe, erzählt die Pfarrerin, sei „ein besonderer Moment wie die Osternacht, in der bei uns in der Gemeinde der Großteil der Taufen stattfindet“. Auch Bella wählte die Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag. Sie weiß noch, wie sie sich gemeinsam mit ihrem Partner Manuel und ihrem Schwiegervater in spe als Taufpaten auf den Weg zur Neuburger Apostelkirche machte, mitten in der Nacht. „Ich glaube, es war drei Uhr früh, verrückt“, lächelt Bella.

"Eine tiefe Sehnsucht nach Vertrauen, Verwurzelung, Verbindung"

Für die Kirche jedoch ganz normal, denn die feierliche „Nachtwache“ in der Osternacht gehört zum Standardprogramm der Apostelkirche. „Als wir vor der Kirche ankamen, standen wir noch eine Zeit lang davor und blickten in das knisternde Osterfeuer, das vor der Kirche brannte“, erzählt Bella. „Dann gingen wir in die Kirche“ – und der Taufgottesdienst für Bella begann.

Häufig entscheiden sich auch Erwachsene nach der Geburt ihres Kindes, die eigene Taufe nachzuholen und sich zusammen mit ihrem Neugeborenen taufen zu lassen, erzählt Pfarrerin Stempel- de Fallois.„Dann wiederum gibt es Fälle, in denen die Menschen zuvor gar keinem Glauben angehörten, parallel jedoch eine tiefe Sehnsucht nach Vertrauen und Verwurzelung hegten und nach der Verbindung zu Gott, der sie schützt und trägt und in ihrer Hand hält“, sagt die Pfarrerin. „Das erlebe ich oft bei Aussiedlerfamilien, die aus Russland, der Ukraine oder Kasachstan zu uns in die Gemeinde gekommen sind.“

Die Taufe eines erwachsenen Menschen unterscheide sich von der eines Kindes. „Bei einem Kind fühle ich die Freude, dass die Eltern ihrem Kind die Taufe schenken. Bei Erwachsenen verspüre ich bei mir eher den großen Respekt vor der Entscheidung, sich taufen zu lassen.“

In der Osternacht des Jahres 2011, als Bella sich von ihr taufen ließ, hat die Pfarrerin gleich beides auf einmal erleben dürfen, „denn mit mir wurde in dieser Nacht auch ein Säugling, ein kleines Mädchen, getauft“, erinnert sich Bella, „und während der ganzen Zeremonie, die bestimmt insgesamt zwei Stunden gedauert hat, hat dieses kleine Baby keinen Mucks von sich gegeben.“

"Man fühlt sich nicht mehr so verloren"

Vielleicht hat es sich so gefühlt wie Bella, als sie zum Schluss ihre brennende Taufkerze in der Hand hielt. „Ich war so glücklich – man strahlt einfach vor Glückseligkeit, dass man Gottes Kind sein darf und sich nicht mehr so verloren fühlt.“

Und nur einen knappen Monat später bekam dieses neue Gefühl von Geborgenheit noch einen zusätzlichen Schub, exakt am 21. Mai 2011 – dem Tag der Hochzeit mit ihrem Manuel.


24.06.2014 / Almut Steinecke