Taufe

Was tun, wenn die Familie zerstritten ist?

Mann und Frau im Streit

Dicke Luft: wenn Familienmitglieder zerstritten sind, wird ein Ereignis wie die Tauffeier zum Problemfall

Bild: iStockPhoto / Patrick Heagney

Das Wunschkind ist da, die Taufe steht vor der Tür, das Leben könnte schöner nicht sein – wäre da nicht die zerstrittene Familie.

„Können wir die Steffi wirklich zu der Taufe unseres Kindes einladen? Das ist doch die Schwester meiner Mutter, und beide reden seit Jahren kein Wort mehr miteinander.“ „Meinst Du, der Achim kommt zur Tauffeier? Das ist doch der Bruder von Deinem Vater, und die zwei hatten sich vor Jahren doch so heftig in der Wolle, dass die sich seitdem total aus dem Wege gehen.“

Gespräche wie diese kommen wahrscheinlich auf bei Paaren, die bald ihr neugeborenes Kind taufen lassen wollen – deren Familien aber (zum Teil) hoffnungslos im Clinch liegen. Paare in solchen Situationen sitzen zwischen den Stühlen: einerseits hätten sie gerne alle Familienmitglieder an ihrem großen Tag dabei, andererseits wissen sie, dass sich der eine mit dem anderen nicht gerade grün ist. Einerseits möchten sie auf die Empfindlichkeiten in ihrer Familie Rücksicht nehmen, andererseits wissen sie, dass sie den einen nicht einladen können, ohne den anderen auszuladen - und umgekehrt.

Was können Paare in solch einer Situation tun? Brigitte Hauner-Münch, Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Evangelischen Beratungszentrums München e.V., und Willi Frings, Psychologe und Paarberater im Evangelischen Beratungszentrum München, geben im Folgenden Hinweise, wie man gängigen Sorgen am besten begegnen kann.

Was können Paare im Vorfeld tun, um die Situation zu entschärfen?
Brigitte Hauner-Münch: „Offen sprechen.,Tut es uns zuliebe – es ist unser Tag‘: Mit diesen oder ähnlich offenen Worten sollten Paare, die zwischen die Stühle geraten sind, das Gespräch mit ihren zerstrittenen Familien suchen. Das offene Gespräch sollte mit reichlich zeitlichem Vorlauf geführt werden, dann haben die Angesprochenen genügend Zeit, sich zu beruhigen, in sich zu gehen und Kraft zu schöpfen, den Groll eine Zeitlang zu begraben – und wenn es nur für die Dauer einer Tauffeier ist: Dem Paar, das sich trauen lässt, bedeutet das sehr viel.“

Wie kann eine kluge Sitz-/Tischordnung aussehen?
Willi Frings: „Familienmitglieder, die arg verstritten sind, müssen bei der Tauffeier nicht unbedingt an einem Tisch oder beim Taufgottesdienst in der Kirche nebeneinander sitzen. Bei einer kniffligen Stimmungslage innerhalb der Familie (oder zwischen der jeweils eigenen und der jeweiligen Fremdfamilie) empfiehlt es sich generell, die Tischordnung mit strategisch klugem Blick ins Auge zu fassen: ,Wer tut wem wie nah gut? Könnte ein Familienmitglied bei zwei Parteien, die besonders heftig miteinander im Krieg liegen, vielleicht als Mediator fungieren? Wäre es daher lohnend, ihn geschickt zwischen die verhärteten Fronten zu platzieren?‘ Bei der Sitzordnung gilt es, Einfühlungsvermögen, Gespür für Stimmungen und Menschen zu entfalten – dann ist die Wahrscheinlichkeit für Ruhe und Frieden am Tisch deutlich höher.“

Was hilft bei unangemessener Rangelei um das Kind?
Hauner-Münch: "Wenn übereifrige Großeltern und/oder Schwiegereltern zur Gluckerei neigen und bei der Taufe einen unangemessenen Anspruch auf das Kind anmelden, sind klare Botschaften unerlässlich. Dann muss man klare Grenzen ziehen, auch wenn das nicht angenehm ist. Denn bei aller Wertschätzung für die eigenen Eltern, sollte die Loyalität in erster Linie bei der neuen Familie sein."

Was ist, wenn das Paar selbst zerstritten ist?
Hauner-Münch: „Wenn Partner sich noch vor der Taufe ihres gemeinsamen Kindes getrennt haben oder eine Frau oder ein Mann alleinerziehend die Tauffeier meistern müssen und damit das Bild der heilen Familie ankratzen, ist das so oder so keine einfache Situation. Zum Einen gilt es, sich zurückzunehmen zum Wohle des Kindes. Geschiedene oder getrennte Partner sollten sich einigen, auch wenn sie sich nicht mehr verstehen und ihre eigenen Verletzungen und Bedürfnisse erst einmal zurückstellen. Das kann man lernen: Für getrennt lebende Eltern bietet das ebz (wie auch andere Beratungsstellen) einen speziellen Kurs mit dem Titel ,Kinder im Blick (KiB)' an, in dem die Eltern (in getrennten Gruppen) u.a. erfahren, was ihr Kind nach der Trennung braucht, wie sie die Konflikte mit dem anderen Elternteil entschärfen und besser bewältigen können und wie sie die Beziehung zu ihrem Kind pflegen können. Parallel bietet das ebz Eltern an, sich im Gespräch mit kompetenten Beratern zu informieren, zu entlasten und neu zu orientieren– damit sie selbst wieder auftanken können und auch die eigene Seele ein Pflaster bekommt

Gibt es Alternativen, falls alle Stricke reißen?
Frings: „Wenn die Familie so im Clinch ist, dass wirklich gar nichts mehr geht, sollten Paare mal darüber nachdenken, ob es wirklich eine große Taufe mit allen Verwandten sein muss – oder ob sie sich nicht vorstellen könnten, alternativ auch eine kleine Taufe zu feiern.“

Hauner-Münch: „… für Streit ist ein solches Ereignis nämlich einfach zu schade – dann notfalls lieber ohne die zerstrittene Familie taufen lassen“.


24.06.2014 / Almut Steinecke